Die Bedeutung von Achtsamkeit im Wandel der Arbeitswelt

Ein Gastbeitrag von Dr. Sarah Siefen, promovierte Wirtschaftsingenieurin, Achtsamkeitstrainerin und Mitgründerin von BGM neo.

Das Konzept der Achtsamkeit erfährt seit Jahren einen deutlichen Interessenszuwachs. Dies erfolgt aus gutem Grund, denn Achtsamkeit ist kein Trend, der sich einfach nur gut vermarkten lässt. Achtsamkeit basiert auf Prinzipien, die bereits vor Jahrtausenden praktiziert wurden und im Wandel der westlichen Arbeitskultur eine neue Bedeutung gewinnen. Auch in der Forschung wächst das Interesse unaufhaltsam, um die verblüffenden Wirkungen der Achtsamkeits- und Meditationspraxis besser zu verstehen und nachvollziehen zu können. Zahlreiche Studien belegen die Vorteile für das physische und mentale Wohlbefinden sowie die Leistungsfähigkeit. Doch was ist Achtsamkeit, wie kann es praktiziert werden und welche Bedeutung hat es im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) im heutigen Wandel der Arbeitswelt?

Wenn das Gedankenkarusell vom Ziel ablenkt

Achtsamkeit ist eine Form der Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments. Was so einfach klingt, kann jedoch auch sehr herausfordernd sein. Versuche eine kleine Übung. Setze dich entspannt hin, schließe deine Augen und stelle dir selber die Frage: „Ich frage mich, welcher Gedanke mir als nächstes kommt?“ Wiederhole im Inneren die Frage für dich. Stelle dir vor, du würdest auf den nächsten Gedanken warten, wie eine Katze vor einem Mäuseversteck. Sei dabei ganz achtsam. Beginne jetzt.

Wie ist es dir ergangen? Vermutlich hast du bemerkt, dass du auf den nächsten eindeutigen Gedanken regelrecht warten musstest. Vielleicht fühltest du dich etwas distanziert oder in einem Tunnel von den umherschwirrenden Gedanken und du hast darauf gewartet, dass ein Gedanke plötzlich hervorspringt? Genau das ist der Zustand von Achtsamkeit. Bist du gegenwärtig, bist du frei von Gedanken. Du bist höchst fokussiert und wach, aber zugleich ruhig. Daher ist die Achtsamkeitspraxis auch keine klassische Entspannungsmethode, wie häufig angenommen, sondern vielmehr eine Methode zur Förderung des Wachseins und der bewussten Präsenz im Augenblick. Sobald du diese Ebene wieder verlässt, wirst du spüren, wie dein Verstand wieder die Hauptrolle übernimmt und Gedanken automatisch zurückkehren und zu fließen beginnen.

„Unser Geist ist immer verrückt unterwegs – geben wir ihm einen Anker, wird er ruhiger.“

Dieses unkontrollierte Gedankenkarussell wird auch als Monkey Mind bezeichnet. So wie sich ein Affe von Ast zu Ast schwingt, springt dabei häufig dein Verstand ununterbrochen von einem Gedanken zum nächsten. Nicht selten entstehen dabei eigens erzeugte innere Bilder, Szenarien oder Interpretationen, die weit entfernt von der eigentlichen Situation sind und uns häufig emotional eher betrüben. Fokussieren wir uns jedoch auf den Moment, wird der Verstand leise.

Was kannst du daraus lernen?

Wir glauben oftmals, achtsam zu sein, doch in Wirklichkeit, sind wir häufig mit unseren Gedanken schon beim nächsten Schritt. Beim Aufstehen denken wir bereits an die Arbeit, wir essen und surfen dabei im Internet. Wir lassen uns häufig von unseren Gedanken und Verpflichtungen treiben, erledigen Dinge parallel und glauben, auf diese Weise, die Zeit überlisten zu können. Ist dies verwerflich? Nein. Vermutlich geht es den meisten Menschen so. Die Chance besteht jedoch darin, diese Muster zu erkennen und bewusste Achtsamkeitspausen zur Entschleunigung einzulegen. Du fragst dich, wie dies geht? Durch einen Perspektivwechsel.

Dein Körperbewusstsein bringt dich in die Gegenwart“

Mit Achtsamkeit wird eine Beobachterrolle eingenommen wodurch Körperempfindungen, Gedanken, Emotionen oder auch Sinneseindrücke wahrgenommen werden, ohne sie zu bewerten. Warum ist die Wertungsfreiheit so bedeutsam? Erinnere dich an eine letzte Meinungsverschiedenheit mit einer nahestehenden Person zurück. Vermutlich glaubte dabei jeder im Recht zu sein. Und dies ist nicht verkehrt. Denn jeder Mensch sieht die Wahrheit mit seinen eigenen Augen – geprägt durch persönliche Erfahrungen und Glaubenssätze. Und so ist es auch mit deiner Wahrnehmung. Wir glauben, alles um uns herum wahrzunehmen, so wie es tatsächlich ist. Jedoch wird unsere Wahrnehmung auch hier zusätzlich beeinflusst und gesteuert durch unseren Fokus, Ablenkungen und emotionale Zustände.

Durch Achtsamkeit werden wir zum Beobachter. Dabei sehen wir die Welt klarer, ohne die Wahrnehmung durch Erwartungen oder Erfahrungen zu verzerren. Außerdem wird der Verstand ruhiger. Insbesondere in stressigen Situationen oder bei Schmerzempfindungen hilft es, sich aus einem Gefühl der Hilflosigkeit zu befreien und sich nicht mit einem Problem oder einem Schmerz zu identifizieren.  Dies ist der Grund, warum die Achtsamkeitspraxis zunehmend in klinischen Begleitprogrammen zur Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder auch chronischen Schmerzen eingesetzt wird. Die Achtsamkeitspraxis hilft den Patienten nicht nur beim Umgang mit einer Krankheit, sondern steigert zudem die Immunkraft und Selbstheilungskraft des Körpers.

Die Bedeutung von Achtsamkeit im Wandel der Arbeitswelt

Diese Vorteile erkannten auch Unternehmen. In der heutigen Arbeitswelt, die zunehmend von Globalisierung, Technologien, demografischen Umbrüchen sowie schnellen Veränderungen in der Unternehmenskultur, Teamstrukturen und Arbeitsformen geprägt ist, bietet Achtsamkeit ein hilfreiches Konzept zur Förderung der Gesundheit, des Wohlbefindens und zur der Stärkung einer offenen und kreativen Persönlichkeitsform. Zahlreiche Menschen haben durch die Achtsamkeitspraxis einen neuen Zugang zu sich gefunden, um besser mit Stress, Belastungen und Veränderungen umzugehen.

„Die Global Player auf dem Arbeitsmarkt erkannten diese Chancen schnell und machten es uns vor. Worauf warten wir?“

Ob Google, Apple, General Mills, SAP, Ford oder Nike. Eins haben sie gemeinsam – sie bieten Achtsamkeits-Programme für ihre Mitarbeiter an. Somit werden ihre Mitarbeiter zum Schlüssel für den Unternehmenserfolg. Durch Achtsamkeitsprogramme fördern sie aktiv die Konzentrationsfähigkeit, Kreativität sowie Leadership Skills. Letzteres äußerst sich insbesondere in einer gesteigerten Empathie, besseren Selbstwahrnehmung, verbesserten Kommunikation, höheren Leidenschaft und einer gesunden Stressbewältigungskompetenz. Nicht zuletzt nutzen auch die weltweit renommiertesten Bildungsinstitute wie die Harvard Business School und die New York University die Achtsamkeitspraxis als Schlüssel zum Erfolg ihrer Studenten.

„Achtsamkeit und Meditation – kein trendiges ChiChi, sondern eindeutige Wissenschaft“

Als Ergebnis zahlreeicher Studien sind die Vorteile durch Achtsamkeit als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements deutlich erkennbar und bereits belegt:

  • Verbesserung der sozialen Beziehungen
  • Stärkung der Stressbewältigungsfähigkeit und der Flexibilität im Umgang mit Stress (Resilienz)
  • Verbesserung der eigenen Emotionsregulationsfähigkeit und einem situationsangemessenen Verhalten
  • Steigerung der Leistungsfähigkeit und Gewissenhaftigkeit
  • höhere Bereitschaft, Aufgaben verantwortungsvoll anzunehmen und umzusetzen
  • mehr Freude bei der Arbeit
  • Steigerung der Konzentrations- und Gedächtnisleistung.

Zunehmend wird auch die positive Korrelation zwischen der mentalen Gesundheit und der Achtsamkeitspraxis untersucht. So belegen Untersuchungen, dass eine regelmäßige Praxis zu einer höheren Zufriedenheit im Leben, Freundlichkeit, Vitalität und Optimismus sowie Selbstachtung und Empathie führt. Ebenso konnten bereits negative Korrelationen bestätigt werden. Somit leiden Menschen, die regelmäßig Achtsamkeit praktizieren, beispielsweise weniger unter Depressionen, emotionaler Labilität, Grübeln und sozialen Ängsten.

Mehr und mehr Unternehmen und Führungskräfte erkennen diese Potenziale für das unternehmerische und persönliche Wachstum – für sich und ihre Mitarbeiter. Durch das regelmäßige Üben wird aus einer zunächst formal erscheinenden Praxis zunehmend eine unerschöpfliche Lebenshaltung für ihr Privat- und Berufsleben, die mit Neugier, Leidenschaft, Freundlichkeit und Offenheit verbunden ist. Und diese bewusste Lebenshaltung ist auch der Ursprung der Achtsamkeitspraxis, die seit schätzungsweise 2500 Jahren praktiziert wird.

5 Tipps zur Achtsamkeitspraxis in deinem Unternehmen:

  1. Kommuniziere die Vorteile einer Achtsamkeitspraxis im Rahmen der Gesundheitskommunikation in deinem Unternehmen. Schaffe Aufmerksamkeit und Neugier für das Thema.
  2. Biete einen wöchentlichen Kurs von 60 Minuten zur Achtsamkeitspraxis an. Um möglichst allen Mitarbeitern die Chance zur Teilnahme zu bieten, empfiehlt es sich, bei Bedarf verschiedene Kurszeiten, Onlineformate oder auch Retreats anzubieten.
  3. Ermögliche den interessierten Mitarbeitern vorab ein Einzelgespräch mit dem Kursleiter/der Kursleiterin, um mögliche Fragen oder Unsicherheiten zu klären.
  4. Gebe deinen Mitarbeitern den Freiraum, an dem Kurs teilzunehmen. Sieh die Maßnahme als Teil einer gesunden Unternehmenskultur und motiviere deine Mitarbeiter und Kollegen zur Kursteilnahme. Je niedriger die Teilnahmehürde, desto höher die Teilnahmequote und desto spürbarer die Effekte der Praxis.
  5. Integriere den Achtsamkeits-Kurs nachhaltig in das interne Angebot des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Achtsamkeit ist ein Prozess, der mit stetiger Übung seine volle Wirkungsweise entfalten kann.

Achtsamkeitsbasierte Programme in Unternehmen – Lohnenswert oder eine wirkungslose Investition?

Im Grunde sind Investitionen im Unternehmenskontext unmittelbar mit der Frage nach dem wirtschaftlichen Mehrwert verbunden. Doch wie sieht es mit Achtsamkeitsprogrammen für Mitarbeiter aus und Bringt eine derartige Gesundheitsinvestition auch messbare unternehmerische Vorteile?

Um diese Frage zu beantworten, ist es interessant, sich die Unternehmen anzusehen, die Achtsamkeitstechniken bereits konsequent implementiert haben. Dieses Vorgehen ist schließlich auch außerhalb der Gesundheitsförderung in der globalen Unternehmenswelt gängig. Ob Benchmarking, Best Practice Sharing oder Excellence Models – Dies sind beliebte Hilfsmittel in der Praxis, um strategische Unternehmensentscheidungen zur Performancesteigerung zu treffen.

Insgesamt zeigt das betriebliche Gesundheitsmanagement einen bis zu 10-fachen Return on Investment. Langfristig senkt es dabei nicht nur die krankheitsbedingten Fehlzeiten um bis zu 66%, sondern stärkt die Selbstwirksamkeit um rund 54%, verbessert die mentale Gesundheit um 77%, das physische Gesundheitsempfinden um 74% und die Arbeitszufriedenheit um bis zu 75%. Dies sind alles Faktoren, die sich langfristig auf den Unternehmenserfolg auswirken und die Performance nachhaltig um bis zu 53% steigern können.

So bietet beispielsweise Google seit 2007 ein Achtsamkeitsprogramm namens Search Inside Yourself an. Dabei beträgt die Wartedauer mittlerweile ein halbes Jahr, um zu den Tausenden von Teilnehmern des Programms zählen zu dürfen. Der frühere Google Entwicklungsingenieur Chade-Meng Tan erkannte, dass die Mitarbeiter die Basis für den Erfolg sind. Das Programm wird heute als ein Grund gesehen, warum Google zu den weltweit erfolgreichsten Unternehmen und beliebtesten Arbeitgebern zählt. Ähnliche Konzepte, oftmals in Kombination mit Yoga und Meditationspraxis, bieten auch zahlreiche andere Unternehmen an, wie beispielsweise der Nahrungsmittelanbieter General Mills seit 2006 und SAP seit 2013. Sie gelten als die Pioniere. Doch auch in regionalen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen wächst das Interesse stetig.

Worauf also warten? Bist du neugierig und möchtest mehr erfahren? Dann lerne uns kennen und vereinbare jetzt ein kostenfreies Erstgespräch – für Achtsamkeit in deinem Unternehmen mit BGM neo.

Dr. Sarah Siefen

Sarah ist Mitgründerin von BGM neo und hat sich mit ihrem Unternehmen auf das betriebliche Gesundheitsmanagement spezialisiert. Sie unterstützt Mitarbeiter, Führungskräfte und Unternehmen durch effektive und wissenschaftlich fundierte Konzepte auf dem Weg zu einer vitalen und leistungleistungsstarken Unternehmenskultur.

 

Wie gefällt dir der Beitrag?
[Total: 3 Average: 5]

 

Empfohlene Beiträge

Geschäftigkeit Geschäftigkeit ist kein Erfolg - Wir müssen uns von der Einstellung lösen, dass Geschäftigkeit, also das ständige Tun und Machen, etwas Gutes sei. Die Vorstellung,… Weiterlesen »Geschäftigkeit ist kein Erfolg
Positive Psychologie in der Arbeitswelt: Wie wollen wir morgen arbeiten? - Gastbeitrag von Saskia Rudolph, Glücks- und Kulturwissenschaftlerin, Spiegelneuronen GmbH Wir verbringen einen Großteil unserer wachen Zeit auf Arbeit. Dessen sollten… Weiterlesen »Positive Psychologie in der Arbeitswelt: Wie wollen wir morgen arbeiten?
„New Work“ – Das Ende der Lohnarbeit - „Was neu an der „Neuen Arbeit“ ist, ist der Gedanke, dass Arbeit etwas Wunderbares sein kann. Arbeit kann das sein,… Weiterlesen »„New Work“ – Das Ende der Lohnarbeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.