Der Wandel vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt

Das wir in Deutschland einen hohen Bedarf an Fachkräften haben ist unbestritten. Die Grundlagen zum Thema habe ich in meinem Artikel Fachkräftemangel in Deutschland – Eine grundlegende Betrachtung erläutert. Doch welche Auswirkungen hat der Fachkräfteengpass? Was für Veränderungen lassen sich dabei feststellen? Beginnen möchte ich dabei mit der wohl offensichtlichsten, aber bisher wenig diskutierten Auswirkung, dem Wandel vom Arbeitgebermarkt hin zum Arbeitnehmermarkt.

Angebot und Nachfrage

Ich glaube, die Grundbegriffe von Angebot und Nachfrage lassen sich ohne Weiteres auch auf das Thema Fachkräfte übertragen. Während das Angebot die vorhandene Menge an geeigneten Arbeitnehmern darstellt, beschreibt die Nachfrage den Bedarf der Arbeitgeber an Personal.

Die Kapazität bei einer Warenproduktion kann kurzfristig erhöht, bzw. gesenkt und somit an Schwankungen bei der Nachfrage angepasst werden. Doch im Gegensatz zum Warenmarkt kann das Angebot an Fachkräften nur sehr langsam auf eine sich ändernde Nachfrage reagieren. Die Ware sind in diesem Bezug die Arbeitsstunden der Arbeitnehmer. Diese können bei einer starken Nachfrage nicht beliebig erhöht werden. Dies verbietet zum einen das Arbeitszeitgesetz und zum anderen auch die Logik. Weiterhin ist es äußerst schwierig kurzfristig neue Arbeitnehmer und somit zusätzliche Arbeitsstunden zu generieren. Daraus lässt sich nun folgende Erkenntnis ableiten:

Die vorhandenen Kapazitäten an Arbeitnehmern sind mittelfristig betrachtet nahezu fix.

Betrachtet man nun wieder die allgemeinen Marktgesetze, so bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Sind die Nachfrage und das Angebot ausgeglichen, so spricht man von einem Marktgleichgewicht. Bezieht man das nun auf die Arbeitnehmer, so bestimmt der Markt die Gegenleistung für die erbrachte Arbeitszeit. Und das kann je nach Situation sehr unterschiedlich ausfallen.

Angebot und Nachfrage

Quelle: BWLhelfer.de

Der Arbeitgebermarkt

Auch hier möchte ich zunächst auf den Begriff an sich eingehen. Übersteigt das Angebot an Fachkräften die Nachfrage, so spricht man von einem Arbeitgebermarkt. Kurz um, es gibt zu viele Bewerber auf zu wenig freie Stellen. Die Bewerber konkurrieren in hohem Maße um freie Stellen und die Arbeitgeber können sich folglich aussuchen, wen sie einstellen möchten.

Um zu verdeutlichen, was ein Arbeitgebermarkt bedeuten kann, möchte ich kurz die Geschichte meiner Oma erzählen. Als ausgebildete Technische Zeichnerin in der DDR war es ihr nach der Wende nahezu unmöglich eine Anstellung in ihrem Beruf zu finden, es gab schlichtweg keine zu besetzenden Arbeitsplätze. Also entschied sie sich notgedrungen eine Stelle anzunehmen, die weit unter ihrer eigentlichen Qualifikation lag. Man nahm eben was man kriegen konnte. Machte sie dann gegenüber ihren Vorgesetzten auf Missstände bei der Arbeit aufmerksam, so bekam sie stets als Antwort: „Ich habe hier eine Liste mit 50 Namen, die alle ihren Job machen wollen.“

Dabei handelt es sich um ein negatives Beispiel, aber sicherlich nicht um einen Einzelfall. Denn ist das Angebot an Arbeitnehmern groß, so besteht immer die Gefahr, dass Arbeitgeber die Verlustangst als Druckmittel gegenüber ihren Angestellten verwenden können. Solch eine Verlustangst wirkt lähmend, Arbeitnehmer stellen ihre Bedürfnisse hinten an und verzichten auf Forderungen. Dabei gilt es nicht nur monetäre Aspekte zu betrachten, aber sie verkaufen quasi ihre Ware, ihre Arbeitszeit, zu einem sehr niedrigen Preis.

Arbeitgebermarkt ist der Kampf der Talente.

Der Arbeitnehmermarkt

Bei einem Arbeitnehmermarkt stellt sich folglich eine umgekehrte Situation ein. Hier gibt es zu wenig geeignetes Personal für zu viele offene Stellen. In diesem Fall konkurrieren die Unternehmen um passendes Personal und die Arbeitnehmer entscheiden, wo sie gern arbeiten möchten.

Allgemein betrachtet ist diese Situation für Arbeitnehmer äußerst vorteilhaft. Das oben beschriebene Druckmittel ‚Angst vor Verlust der Arbeit‘ verliert dabei zunehmend an Wirkung und die Arbeitnehmer sind in der Lage Forderungen zu stellen. Somit können die Arbeitnehmer ihre Ware Arbeitszeit zu einem höheren Preis verkaufen.

Doch ein Arbeitnehmermarkt bietet auch zahlreiche potenzielle Gefahren und Probleme. Unternehmen fällt es zunehmend schwerer ihre volle Innovations- und Wirtschaftskraft auszuschöpfen, weil schlichtweg das Personal fehlt. In so einer Situation wird häufig versucht fehlende Kapazitäten mit dem vorhandenen Personal auszugleichen. Dies führt wiederum zu einer Überlastung der Angestellten und folglich zu einer sinkenden Qualität der Arbeit.

Ähnlich wie die Verlustangst als inakzeptables Druckmittel in einem Arbeitgebermarkt, so können bei einem Arbeitnehmermarkt die Angestellten die Situation geschäftsschädigend ausnutzen. Ich vermute jeder kennt das Gefühl zu glauben einen Kollegen zu haben, der maximal ‚Dienst nach Vorschrift‘ praktiziert und dennoch die gleichen Vorteile genießt. In so einem Fall erhält ein Unternehmen keine ausreichende Gegenleistung für seine Aufwände und der Handel mit der Ware Arbeitszeit ist unausgeglichen. Das heißt wiederum, der Arbeitnehmer verkauft seine Ware über Wert.

Arbeitnehmermarkt ist der Kampf um Talente.

Die Auswirkungen

Betrachtet man die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt, so kann man feststellen, wir befinden uns in einem Wandel vom Arbeitgebermarkt hin zu einem Arbeitnehmermarkt. Wie weit dieser Wandel bereits fortgeschritten ist, lässt sich nicht allgemeingültig bestimmen. Denn ähnlich wie bei dem Thema Fachkräftemangel gibt es hier regionale und branchenabhängige Unterschiede.

Für Arbeitgeber steigt die Schwierigkeit geeignetes Personal für ihr Unternehmen zu finden. Sie müssen sich permanent gegen Konkurrenten durchsetzen. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Stellenanzeigen auf sämtlichen verfügbaren Kanälen ausgerechnet die Person erreichen, die für die Stelle geeignet ist und auch noch Interesse hat. Dies führt wiederum zu einem enormen Kostenaufwand, um eine entsprechende Reichweite zu generieren. Dabei laufen die Unternehmen auch Gefahr zu übertreiben und sich besser darzustellen als sie sind. Eine nachhaltige Lösung für ihr Problem erhalten sie somit nicht.

Arbeitnehmer hingegen sehen sich diesem permanenten Werben um Fachkräfte ausgesetzt. Die Flut an Stellenanzeigen wird dabei immer größer und unübersichtlicher. Außerdem erreichen einen die unrealistischsten Anfragen aus allen Teilen des Landes. Man kann es den Unternehmen ja nicht verübeln. Wenn man unzählige Anfragen und Stellen aufgibt und dabei einen Treffer landet, handelt es sich zwar um eine riesige Verschwendung, aber das Soll ist erfüllt. In diesem Wettbieten der Unternehmen wird es zunehmend aufwändiger und komplizierter für Arbeitnehmer sich zielgerichtet zu verändern.

Allerdings stellt dieser Wandel auch eine enorme Chance dar. Denn wer eine innovative Lösung für das Problem findet, schafft sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Dies gilt für Arbeitgeber sowie für Arbeitnehmer. Unternehmen, welche sich auf die Situation einstellen, etablieren bisher gänzlich ungenutzte Ansätze, erhöhen ihre Attraktivität und nehmen somit eine Vorreiterrolle ein. Aber auch für Arbeitnehmer bildet dieser Wandel eine bisher nicht ausreichend betrachtete Chance. Auf Grund der großen Auswahl an Möglichkeiten und der hohen Nachfrage, können Arbeitnehmer genau überlegen was sie eigentlich interessiert sowie glücklich und zufrieden macht. Dadurch lassen sich ebenfalls bisher unbekannte Potenziale freisetzen.

Wie die Chancen und Möglichkeiten im Einzelnen aussehen könnten und wie man diese erkennen kann, versuche ich in späteren Artikeln genauer zu betrachten. Doch eines lässt sich bereits jetzt mit großer Gewissheit sagen:

Wir befinden uns in einem Wandel. Und ähnlich wie bei der Evolution kann man Veränderungen nur mit entsprechender Anpassung begegnen.

In der kommenden Woche werde ich ein Interview mit René Künstler, Geschäftsführer der saxJOB GmbH, führen und das Thema „Der Wandel vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt“ diskutieren. Bis dahin würden mich Eure Gedanken und Erfahrungen interessieren. Habt ihr euch in letzter Zeit bei einem Unternehmen beworben oder selbst Mitarbeiter gesucht? Oder wie waren Eure Erfahrungen dazu vor zehn, fünfzehn Jahren?

 

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6 Gedanken zu „Der Wandel vom Arbeitgebermarkt zum Arbeitnehmermarkt“

  1. Ganz sicher ist er da, der „Arbeitnehmermarkt“. Das gilt aber immer noch mit Einschränkungen für einige Berufsfelder.Aber auch für Berufe, für die eigentlich Personal „in Massen“ vorhanden sein sollte, dauert die Stellenbesetzung immer länger.

    Wir selbst haben eine Bürokraft im Home Office gesucht und sage und schreibe 3 Monate benötigt, um die Stelle zu besetzen.

    Die Konditionen:
    – leichte Bürotätigkeit, ohne spezielle Ausbildung
    – freie Zeiteinteilung
    – Lohn ganz deutlich über dem Mindestlohn
    – Standort egal, da Home-Office

    Wir haben in allen sozialen Netzwerken gepostet und auch die Arbeitsagentur eingeschaltet.

    Jetzt, nach sehr langer Zeit laufen auf einmal die Bewerbungen ein. Von völlig unqualifizierten, bis überqualifizierten Kandidaten.

    Meine Erkenntnis aus diesem und anderen Vorgängen ist, dass „mal eine schnelle Besetzung“ nicht mehr möglich ist. Dafür ist unser System und auch deren Nutzer zu langsam.

    1. Und genau an dem Punkt sind intelligente Lösungen gefragt. Was kann man tun, um das System und die Nutzer an diesen Wandel anzupassen?
      Dazu bedarf es aus meiner Sicht eine tiefergehende Betrachtung, um den Ursprung und nicht nur die Symptome zu erkennen. Erst dann lassen sich wirklich nachhaltige Ansätze finden.

    1. Ist es wirklich immer sinnvoll die Attraktivität von Unternehmen anhand deren Benefits zu messen?
      Diese sind sicherlich wichtig und auch notwendig. Aber am Ende behandeln sie ja doch nur die Symptome des Fachkräftemangels und vernachlässigen die Ursachen.

      1. Ich sag es mal ganz nüchtern. Meine Wichtig ist mir als Fachkraft, Familienvater und Hauseigentümer:
        – Beruf und Familie
        – Nettoeinkommen
        – Arbeitsklima/Kollegen
        In dieser Reihenfolge. Irgendwelche komischen Modelle und neuen innovativen Sachen brauche ich nicht.

        MfG Matze

        1. Hallo Matze,
          Was genau verstehst du unter deinem ersten Punkt ‚Beruf‘?
          Und was würdest du machen, wenn einer deiner Punkte nicht erfüllt wird? Bis zu welchem Punkt nimmst du das in Kauf?
          Es geht nicht darum das Rad neu zu erfinden. Aber aus meiner Sicht sollte das Verhältnis von Mensch zu seiner Arbeit neu gedacht werden.

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