Das haben wir schon immer so gemacht

Unsere westlichen Industriestaaten sind Wohlstandsinseln und verfügen über ein Anspruchsdenken, was im internationalen Vergleich bizarr erscheint. Ohne dabei moralisch zu werden, sollte es uns dennoch bewusstwerden, vor welchen Herausforderungen wir stehen. Und dennoch glauben wir, unseren vergangenen Erfolg bewahren zu können, in dem wir uns Veränderungen gegenüber verschließen und sagen: Das haben wir schon immer so gemacht.

Wenn sich die ökonomische Basis ändert

Die Grundlage unseres heutigen Wohlstands bildet das Wirtschaftswunder der westdeutschen Nachkriegszeit. Niedrige Löhne, eine unterbewertete D-Mark sowie modernste Fabriken ermöglichten eine Eroberung des Weltmarktes. Genau eben jene Bedingungen, die heute aufstrebende Schwellenländer zu bieten haben.

Noch können die Unterschiede bei den Lohnkosten durch eine effizientere Arbeitsweise einigermaßen ausgeglichen werden. Doch hier holen vor allem exportorientierte Länder massiv auf. Und auch etwaige Vorteile auf Grund von Qualitätsunterschieden oder vorhandenem Know-Hows schwinden rapide. Und dennoch halten wir unter dem Argument der Sicherheit an dieser 70 Jahre alten Strategie fest.

Fast jedes Unternehmen, welches eigene Stellen abbaut oder ins Ausland verlegt, wird pauschal verteufelt. Im Umkehrschluss argumentieren viele Firmen mit einem notwendigen Stellenabbau, wenn sie sich vor geforderten Veränderungen sträuben oder nach umfangreichen Subventionen rufen.

Dabei sollten in beiden Fällen eher die Fragen gestellt werden, warum sich die Unternehmen nicht um neue Geschäftsmodelle bemühen? Warum gelingt es ihnen nicht, sich neu aufzustellen, um weiterhin Menschen vernünftig zu beschäftigen? Und warum klammern wir uns an jeden einzelnen Arbeitsplatz in abwandernden Industriezweigen? Das haben wir schon immer so gemacht kann nicht die passende Antwort sein.

Kautschuk aus Brasilien – das Beispiel Manaus

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Vulkanisation erfunden und sorgte in der Amazonasregion für einen regelrechten Kautschukboom. Infolgedessen entwickelte sich die Stadt Manaus zu einer der damals reichsten Städte der Welt. Die Produktion von Kautschuk lieft gut, wurde ständig ausgebaut und schien auf einem sicheren Fundament zu stehen.

Der Reichtum von Manaus schien unermesslich. Die Menschen lebten in Palästen, deren Rohstoffe extra aus Europa importiert wurden. Es gehörte zum guten Ton seine Schmutzwäsche in Kisten zu packen und nach Lissabon zu verschiffen, nur um sie dort mit sauberem Wasser waschen zu lassen. Sogar die Pflastersteine rund im die städtische Oper wurden aus einem dämpfenden Sand-Kautschuk-Gemisch gefertigt, damit vorbeifahrende Pferdekutschen die Vorstellungen nicht störten.

Doch im Jahre 1905 kam die Nachricht, dass deutsche Chemiker eine Möglichkeit gefunden haben, künstlichen Kautschuk herzustellen. Über Nacht rauschten die Preise für Kautschuk in den Keller und die Einnahmequelle von Manaus versiegte. Die Stadt ging dem Niedergang entgegen, die Prachthäuser und Paläste verfielen.

Die spannende Frage aus dieser historischen Geschichte lautet nun: Wie reagierten die Menschen von Manaus auf diese Nachricht? Klagten sie darüber, dass sie auf einmal kaputtgespart wurden? Beschwerten sie sich darüber, dass reihenweise Menschen ihre Anstellungen verloren? Oder gab es auch Stimmen die sagten: „Okay, wir haben eine neue Situation. Was machen wir daraus?“

Offenbar nicht! Denn eine Anpassung an die neue Situation blieb aus mit einer Verarmung der Bevölkerung über viele Jahrzehnte als Folge. Und zudem lässt sich eine Parallele zum heutigen Wandel der Arbeitswelt erkennen: Diejenigen, die über den Niedergang und seine Konsequenzen klagen, tragen wenig zur Verbesserung der Situation bei.

Wie erkennt man solch einen Niedergang?

Oftmals entwickelt sich ein wirtschaftlicher Niedergang schleichend und ist nicht unmittelbar zu erkennen. Dennoch gibt es verschieden Anzeichen, die darauf hindeuten, dass etwas nicht mehr wirklich funktioniert. Stellen wir uns also ein beliebiges Unternehmen vor, welches seit vielen Jahren auf ein einst bewehrtes Geschäftsmodell setzt.

Zunächst bleibt das Unternehmen unter den prognostizierten Zielen, beginnt zu rationalisieren und spart an der Qualität. Als nächstes sinken die Gewinne und die Anzahl der Kunden schwindet erheblich. Noch immer beruft sich das Unternehmen auf die generell schlechte Wirtschaftslage und hofft auf Verbesserung. Diese bleibt jedoch aus, woraufhin bisher zentrale Aufgaben ausgelagert und die Preise externer Dienstleister gedrückt werden.

Es folgen die ersten Entlassungswellen und es wird überlegt, wie man mit modernem Marketing und vielen neuen Produkten die Kunden zurückgewinnen kann. Ergebnisse der Marktforschung zeigen nun, dass die nachkommende Zielgruppe viel im Internet unterwegs ist. Schnell wird eine halbgare Social Media Kampagne aufgesetzt, um wirklich überall den Menschen etwas verkaufen zu können.

Die Tatsache, dass das bisherige Produkt oder Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, wird mit immer schnelleren, bunteren und billigeren Angeboten sowie immer mehr und immer größerer Werbung überspielt. Ein echtes Umdenken und Lösen von alten Mustern bleiben dabei aus. Währenddessen arbeitet die Konkurrenz mit einem gänzlich neuen und interessanteren Konzept für einen Bruchteil der Kosten. Aber Hauptsache das haben wir schon immer so gemacht.

Von alten Denkgewohnheiten Abschied nehmen

Angeblich sagte Kaiser Wilhelm II: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung. Ich glaube an das Pferd.“ Möglichweise vermissten auch die ersten Bahnreisenden das Rütteln der Postkutsche oder empfanden die damals erreichten 35 km/h als atemberaubend schnell. Sicher ist jedoch, dass es ohne Veränderung keine Weiterentwicklung gibt. Wir müssen uns davon lösen, Veränderungen als Gefahr zu sehen und Sicherheit mit Stagnation zu verwechseln.

Innovative Gründungen und Geschäftsmodelle stimulieren den Wettbewerb, befeuern den wirtschaftlichen Strukturwandel und sorgen für Wachstum und Arbeitsplätze. Sie sind die einzigen Instrumente für ein hoch industrialisiertes und rohstoffarmes Land wie Deutschland, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Vor allem in forschungs- und wissensintensiven Bereichen müssen die Anstrengungen zu innovativen Geschäftsmodellen und Unternehmen gesteigert werden.

Heute helfen uns Jammern und eine rückwärtsgewandte Denkweise genauso wenig weiter wie damals in Manaus. Das Klagen über mögliche Arbeitslosigkeit und bevorstehende Sparmaßnahmen bringen uns nicht voran. Wir müssen die neue Situation annehmen und uns die Frage stellen: Gibt es die Möglichkeit, die Wirtschaft neu zu positionieren? Und wo können solche Chancen liegen? Ganz sicher nicht in der Antwort: Das haben wir schon immer so gemacht.

 

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2 Gedanken zu „Das haben wir schon immer so gemacht“

  1. Den Spruch: „Das haben wir immer so gemacht.“, kenne ich seit Jahrzehnten und ich habe ihn stets gehasst. Warum? Natürlich ist es einfach zu sagen: „Never change a winning Team.“ Aber stimmen die äußeren und inneren Parameter noch überein mit der Vergangenheit? Was macht der Wettbewerb? Was erwarten die Stakeholder? Schon seit ich im Beruf bin (1979) gilt die Weisheit, dass Stillstand einem Rückschritt gleichkommt. Aber es gilt auch, dass man nicht auf jeden vorbeifahrenden Zug aufspringen muss. Insbesondere was agile Führung anbelangt, sind wir in Deutschland totales Entwicklungsgebiet. Ein Kursteilnehmer eines SCRUM-Kurses, der vorher bei einem sehr bekannten britischen Telekommunikationsunternehmen beschäftigt war, äußerte sich mal wie folgt: „Uns wurde von morgens bis abends gepredigt, wie agil wir doch wären. Nach dem Kurs bei Dir ist mir nun klar, dass wir Lichtjahre entfernt waren von Agilität.“ Heutige flache Hierarchien sind meines Erachtens nur ein zaghafter Versuch, etwas zu verändern. Eigentlich geht es nur um Kostenersparnis, aber keine prozessualen Optimierungen. Change Management Projekte scheitern oft daran, dass sich die Unternehmen keine Zeit nehmen, um die Menschen mitzunehmen. Ein Bekannter erzählte mir mal, dass sie zwei Tage in ein Hotel einkaserniert wurden, um dort eine SCRUM-Schulung zu erhalten. Am Montag darauf sollten wir alle agil sein. Ha, ha! Veränderungen brauchen Zeit und Geduld, das wusste bereits Kurt Lewin und sein 3-Phasen Modell mit unfreezing, moving und freezing zeigt, dass ein echter Change nur mit Geduld und unter Zuhilfename eines externen und damit unabhängigen Coachs wirklich erfolgreich ist. Haben wir immer so gemacht ist der Anfang vom Ende!

    1. Hallo Ralf,
      vielen Dank für deinen Kommentar.
      Du liegst aus meiner Sicht in sehr vielen Punkten komplett richtig. Und auch deine Werkzeuge, Methoden und Schulungen bringen einen Änderungsprozess voran.
      Doch ohne eine wirkliche Bereitschaft estwa zu verändern, wird der beste Workshop und die ausgefeilteste Übung an ihre Grenzen stoßen.
      Du beschreibst es sehr gut, dass Stillstand mit einem Rückschritt zu vergleichen ist. Ich würde hier sogar noch etwas weitergehen. Es ist häufig zu beobachten, dass Stagnation mit Sicherheit verwechselt wird. Wir müssen uns grundsätzlich davon lösen, jegliche Veränderung als potenzielle Gefahr zu sehen.
      „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist folglich nicht nur der Anfang vom Ende, sonder auch ein Angsteingeständnis vor Veränderungen und ein krampfhaftes Festhalten an vermeintlich unersetzbaren, bzw. unveränderbaren Zuständen.

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