Chemnitzer Gastronomie in Zeiten von Corona – Interview mit Kevin ‚Moe‘ Morris

  • Felix 

Kevin Morris, besser bekannt unter dem Namen Moe, ist seit einigen Jahren fester Bestandteil der chemnitzer Musik- und Gastroszene. Mit ihm habe ich über die aktuelle Lage seiner Branche gesprochen, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie im Allgemeinen auf die Gastronomie haben wird und was das speziell für die Stadt Chemnitz bedeuten kann.

Um ein erstes Bild von dir zu bekommen, seit wann bist du in der Gastroszene tätig?

Vor zwölf Jahren habe ich, ohne Vorkenntnisse, an der Bar eines recht noblen Restaurants in Düsseldorf angefangen. Nachdem ich zu der Zeit über meinen damaligen Job reflektiert hatte und mich gefragt habe wie zufrieden ich mit meiner Arbeit bin, habe ich festgestellt, dass ich das nicht für den Rest meines Lebens machen möchte. Dann bin ich „durchgedreht“ und zufällig hinter der Bar gelandet. Ohne zu wissen was dahintersteckt, habe ich gemerkt, dass sich Gastronomie durchaus lohnen kann. Finanziell aber auch durch die Anerkennung, die man erfährt. Danach habe ich am Uferstrand in Chemnitz angefangen Roster und Suppe zu verkaufen. Spätestens da habe ich festgestellt, dass mir das Spaß macht und die Leute es dankend annehmen, wenn man ihnen Freude und Emotionen verkauft.

Welche Läden betreibst du aktuell und was würdest du dort im Normalbetrieb jeweils anbieten?

Wir betreiben, ich mache das nicht allein, drei bzw. vier Läden. Da ist „Die Andersbar“, wo es ganz oldschool um das Handwerk der Cocktailzubereitung geht. Dann gäbe es noch, wenn die Pandemie nicht wäre, „Moe’s Bar“. Dort gab es schlicht weg Saufen mit Musik, ordentliche Getränke mit passender Musik. Einfach das, was Spaß macht. In der Innenstadt haben wir noch das Pub „Der Pub“. Ganz bewusst „DER“, weil man das hier halt so sagt. Hier geht es um die eher sportliche Komponente mit Bundesliga und Co., Livemusik und Kultur mit Entertainment-Faktor. Und dann gibt es in Glösa noch das „Randi’s“, wo es typisch amerikanische Pizzen und Sandwiches gibt.

Wie sieht dort unter den aktuellen Einschränkungen der Betrieb aus?

Null, Zero. Wir haben mit der Pizzeria Randi’s den Außerhausverkauf versucht, es aber zum Jahresende eingestellt. Das hat eine Weile funktioniert, aber man braucht dennoch drei Fahrer, drei in der Küche und jemanden, der das Ganze koordiniert. Und das können andere, die schon immer auf Lieferung ausgerichtet sind, einfach besser. Sodass ich ohne das Geschäft im Haus auch keine Lieferung möchte, bzw. vertreten kann. Im Pub haben wir ein paar wenige Einnahmen. Dort machen wir verschiedene Liveübertragungen von Gesprächen und Musik, also etwas Kunst und Kultur, aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

Wie wird dein alternatives Angebot angenommen und inwieweit lohnt es sich für dich?

Wie gesagt, wir haben Lieferung angeboten, aber das ist Schrott. Ich weiß es auch von anderen Gastronomen, selbst Abholung macht man wirklich nur, damit man eine Beschäftigung hat. Denn die aktuelle Zeit macht ja auch was mit einem. Da geht es nicht nur um das Finanzielle. Als Vorgesetzter versuchst du natürlich die Motivation zu halten. Aber abends sitzt du trotzdem da und fragst dich, wie das weitergehen soll. Ein kurzes Beispiel, wenn du Mist gebaut hast und für zwei Jahre ins Gefängnis musst, weißt du, okay zwei Jahre verlorene Zeit. Wenn dir aber vom Richter gesagt wird, du gehst jetzt in den Knast und wir sagen dir irgendwann, dass du wieder raus darfst, dann drehst du durch. Und so eine Situation haben wir aktuell.

„Also klar negativ, es wird vieles weg sein. Aber positiv, das was dann noch da ist, wird richtig geil sein.“

Für die Kneipen- und Gastroszene wurden weitreichende staatliche Unterstützungen in Aussicht gestellt. Welche Erfahrungen hast du damit bisher gemacht?

Moe guckt und lächelt. Ja, das wurde gesagt. Aber nein, wir bekommen keine Unterstützung. Wir haben uns vor knapp zwei Jahren für die Firmenstruktur einer Holding entschieden und wenn die Holding nicht mindestens 80 % im Bereich der Gastro ausmacht, bekommen wir keine Hilfen. Man kann sagen, wir sind erwachsen geworden und haben uns ein Konstrukt geschaffen, mit dem man sauber und transparent arbeiten kann. Und die Läden als einzelnes Fallen nun durch das Raster.

Angenommen es gäbe einen Termin, ab dem alles wieder öffnen dürfte. Welche Herausforderungen ergeben sich nach der langen Schließung für dich, um alles wieder in Normalbetrieb zu bekommen?

Die erste Herausforderung ist die Mindesthaltbarkeit der Ware, die aktuell noch in den Lagern liegt und im März abläuft. Die muss entsorgt werden, wodurch man direkt wieder mit einem Minus startet. Aber die größte Herausforderung wird es sein, die Leute wieder zu motivieren. Das sind zum einen die Leute, die in der Gastronomie gearbeitet haben. Denn das Pensum, was wir abgearbeitet haben, war schon enorm. Und in der aktuellen Zeit hinterfragt man sich schon, ob man das so nochmal will oder sich nicht einen anderen Job sucht. Es geht mir ja selbst nicht anders, ich gehe teilweise freitags um neun ins Bett, was vorher nie denkbar war. Aber dann sehe ich, wie es mal war, wie geil das war und merke, dass ich das wieder möchte. Und da sind zum anderen die Gäste, die ja auch erstmal wiederkommen müssen. Ich glaube, die jungen Leute wird es eher wieder raustreiben. Da gilt es dann Gas zu geben, den Leuten Sicherheiten zu schaffen, dass sie gern wieder rausgehen und Freude haben. Was ich mir aber wünschen würde, dass die Leute eher anfangen zu saufen. In England geht es 18.00 Uhr in die Kneipe und nicht erst 21.00 Uhr. Dadurch bekommt Geselligkeit, also die Kommunikation untereinander, eine größere Bedeutung.

Im Vergleich zu anderen Städten fehlt uns in Chemnitz ja noch eine richtige Kneipenkultur. Nach der Arbeit im Biergarten treffen, ist hier eher untypisch. Was glaubst du, wie sich das Ganze entwickelt, wenn alles wieder öffnen darf?

Ich glaube es wird anders als zuvor, man hat es ja im letzten Sommer schon gemerkt. Da die Menschen nicht in den Urlaub oder auf Festivals konnten, hat sich das Leben draußen an Kneipen und Restaurants abgespielt. Das wiederum ist gut, denn Chemnitz ist extrem proletarisch strukturiert. Es zählt die harte, sogenannte ehrliche Arbeit und Kunst und Kultur spielen eine stark untergeordnete Rolle. Jetzt über den Sommer hat man aber auf einmal gesehen, was in Chemnitz alles geht. Ob es ein versenktes Auto ist oder ein großer Darm, klar, Kunst und Kultur ist für jeden etwas anderes. Aber die Leute reden darüber und genau das ist der Punkt, wo es darum geht die Menschen abzuholen und mitzunehmen.

Siehst du für deine Branche in der aktuellen Situation auch Chancen? Ergeben sich vielleicht neue Möglichkeiten?

Die Gastronomie, die es 2019 noch gab, wird so in der Form in den nächsten Jahren nicht mehr existieren. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren reihenweise kleine, vielleicht familiengeführte Betriebe schließen und hauptsächlich die übrig bleiben, die irgendein besonderes Alleinstellungsmerkmal haben. Die großen Ketten werden bleiben, da wird alles wie immer sein. Aber die Individualgastronomie wird extrem zurückgehen. Das Positive ist aber, dass sich dadurch neue Ideen und Konzepte entwickeln. Ich gehe nicht davon aus, dass sich eine Tanz- und Clubkultur wieder zu dem Ausmaß entwickelt, wie sie vor der Pandemie war. Es wird vermehrt zu Mischkonzepten kommen, wo Musik aber auch einfach das Treffen von Leuten eine Rolle spielt. Dann glaube ich, dass die Sommer ganz anders explodieren werden. Nicht im Sinne von großen Festivals, sondern im Bezug auf Naherholung. Kleine, regionale Veranstaltungen und Ausflugsmöglichkeiten können die eigene Umgebung befeuern. Man wird auf einmal Dinge anbieten können, die die Leute sonst nur im Urlaub haben, die aber eigentlich auch hier ganz angenehm wären. Also klar negativ, es wird vieles weg sein. Aber positiv, das was dann noch da ist, wird richtig geil sein.

Kevin 'Moe' Morris

Kevin Morris ist gebürtiger Passewalker und seit über 18 Jahren in Chemnitz beheimatet. Sein Arrangement in Chemnitz ist deshalb so ausgeprägt, weil sich die Stadt für ihn immer echt angefühlt hat. Hier hatte er immer Menschen um sich herum, die ihn bei seinen Ideen unterstützt haben.

 

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